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ADHS, Supplements und warum ich RecTake gebaut habe

Was das hier ist: meine eigene Geschichte. Kein medizinischer Rat, keine Empfehlung, keine Behandlung. Ich bin Entwickler, nicht Arzt. Was bei mir funktioniert hat, muss bei dir gar nichts heißen — und was du nimmst oder änderst, besprich mit jemandem, der dafür ausgebildet ist. Was hier an Namen steht, steht da, weil es meine Geschichte ist — nicht, weil es jemand nachmachen soll.

Ich habe ADHS. Diagnostiziert, nicht selbst zusammengegoogelt. Und der Teil davon, der mich am meisten Zeit gekostet hat, ist nicht die Konzentration und nicht die Unruhe. Es ist das Vergessen.

Nicht das große Vergessen — Termine, Geburtstage, so was kriege ich hin, dafür gibt es Kalender. Ich meine das kleine, tägliche. Ich stehe in der Küche, das Glas Wasser ist schon halb leer, und ich weiß nicht mehr, ob ich vorhin etwas genommen habe oder ob ich nur daran gedacht habe, es zu nehmen. Zwischen beidem liegt bei mir ungefähr nichts.

Der Satz, der alles ausgelöst hat

Es gibt einen Satz, den ich über Jahre bestimmt tausendmal gedacht habe. Nachmittags, meistens so gegen vier, wenn nichts vorangeht und ich schon die dritte halbe Sache angefangen habe:

„Was ist denn heute wieder los?“

Und ungefähr eine Minute später, jedes Mal: Ach fuck. Ich hab wieder vergessen, XY zu nehmen.

Das ist kein dramatischer Moment. Es ist ein lächerlich kleiner. Aber er ist mir so oft passiert, dass er irgendwann aufgehört hat, ein Zufall zu sein. Und das war der Punkt, an dem ich gemerkt habe: Ich habe kein Disziplinproblem. Ich habe ein Gedächtnisproblem — und dafür braucht man keine strengere Version von sich selbst, sondern ein Blatt Papier.

Was sich geändert hat

Irgendwann habe ich angefangen, weniger Kohlenhydrate zu essen und mehr Eiweiß. Nicht aus einer Ideologie heraus, nicht wegen eines Buchs — ich habe es einfach ausprobiert, weil ich nicht mehr wusste, was ich sonst noch ändern soll. Dazu kamen Kreatin, Omega-3 und die unspektakulärste Änderung von allen: mehr Wasser.

Und es ging mir besser. Ruhiger über den Tag, weniger von diesem Nachmittagsloch, konzentrierter, produktiver.

Das ist kein Beweis. Ich habe keine Ausbildung dafür, ich habe kein Studiendesign, und ich habe eine Stichprobe von eins — mir. Ich habe mehrere Sachen gleichzeitig geändert, also weiß ich bis heute nicht, welche davon etwas bewirkt hat und welche nur dabei war. Genau das ist der Punkt.

Denn die Frage, die daraus entstand, war nicht „was soll ich nehmen“. Sie war: Woher will ich das eigentlich wissen? Ich hatte ein Gefühl und keine einzige Notiz. Und ein Gefühl über drei Wochen ist ungefähr das unzuverlässigste Messgerät, das es gibt — es erinnert sich an die guten Tage anders als an die schlechten.

Also wurde plötzlich wichtig, ob ich es tatsächlich genommen und gegessen habe oder nicht. Solange nichts davon abhängt, ist Vergessen egal. Sobald etwas davon abhängt, ist es ärgerlich.

Warum jede App bei mir gescheitert ist

Ich habe es mit Apps versucht. Mit mehreren. Sie waren alle gut gebaut, das ist nicht das Problem. Das Problem war der Morgen.

Morgens um Viertel nach sieben, Tasse in der einen Hand, will ich nicht: App aufmachen, Plus tippen, Kategorie suchen, Eintrag suchen, Menge tippen, Einheit aus einem Aufklappmenü wählen, Uhrzeit bestätigen, speichern. Das sind zwölf Sekunden. Zwölf Sekunden klingen nach nichts.

Aber ich bin faul. Und ich meine das nicht kokett, sondern als Tatsache über mich: Wenn etwas jeden Tag zwölf Sekunden Reibung hat, mache ich es nach zwei Wochen nicht mehr. Erst lasse ich einen Tag aus. Dann zwei. Nach drei Wochen hat die Reihe mehr Lücken als Einträge, und so eine Reihe beantwortet keine einzige Frage — auch nicht die, wegen der ich angefangen habe.

Das ist der eigentliche Fehler in fast jeder Tracking-App: Sie optimiert die Auswertung. Schöne Diagramme, Wochenvergleiche, Fortschrittsbalken. Aber die Auswertung ist wertlos, wenn die Daten Lücken haben. Und ob sie Lücken haben, entscheidet sich nicht in der Auswertung. Es entscheidet sich morgens um Viertel nach sieben.

Was ich eigentlich wollte

Vier Sachen, mehr nicht:

  • Es muss schneller gehen als Denken. Ich wollte nichts tippen. Ich wollte sagen, was ich genommen habe, und dann weitergehen.
  • Es muss sich für mich merken. Nicht mich antreiben, nicht mich bewerten — nur festhalten, was war, damit ich es nachmittags nachsehen kann statt zu raten.
  • Ich will wirklich sehen, wie es mir geht. Nicht als Note von eins bis zehn, sondern als das, was tatsächlich passiert ist, nebeneinander, mit Uhrzeit.
  • Und ich will nicht daran denken müssen. Wie es mir geht, notiere ich am zuverlässigsten dann, wenn ich nicht selbst darauf kommen muss.

Daraus wurde RecTake. Man hält einen Knopf und sagt einen Satz — „zwei Kapseln Magnesium, dazu einen Kaffee“ — und danach stehen da zwei Einträge mit Uhrzeit. Kein Formular, keine Kategorie zum Durchscrollen, keine Einheit aus einem Aufklappmenü.

Die Frage, die von selbst kommt

Das Essen und die Kapseln sind die eine Hälfte. Die andere ist das, was ich eigentlich wissen wollte: wie es mir an dem Tag ging. Und genau diese Hälfte hätte ich nie eingetragen. Wer sich gut fühlt, denkt nicht daran, das zu notieren. Wer sich schlecht fühlt, erst recht nicht.

Deshalb fragt die App von selbst. Nicht dauernd und nicht als Popup mitten im Tag, sondern eine Weile nach einem Eintrag, einmal, auf einer Skala mit fünf Stufen. Zwei Sekunden, eine Stufe antippen, fertig. Wer nicht antworten will, überspringt sie, und dann ist sie weg.

Diese eine Frage macht aus einer Liste von Einnahmen etwas, das eine Frage beantworten kann. Nebeneinander auf einer Stundenachse: was ich genommen habe, was ich gegessen und getrunken habe, und wie es mir danach ging. Nach drei Wochen sieht man da Dinge, die man im Kopf nicht sieht.

Was sie ausdrücklich nicht tut

Die App sagt mir nie, dass ich jetzt etwas nehmen soll. Sie sagt mir höchstens, dass heute noch nichts eingetragen ist. Zwischen „du hast es nicht notiert“ und „du solltest es nehmen“ liegt der ganze Unterschied, und der ist so gebaut, weil ich es so brauche: Ich will ein Notizbuch, keinen Trainer.

Es gibt keine Streak, die reißt. Keine Punkte. Keinen Balken, der leer bleibt und mich ansieht. Ein ausgelassener Tag ist bei mir einfach ein Tag ohne Eintrag — nicht ein Versagen mit Symbol.

Und sie zieht keine Schlüsse. Sie sagt mir nicht, dass mein Nachmittag besser war, weil ich morgens dies oder das genommen habe. Das kann sie gar nicht wissen, und ich glaube, eine App, die so tut, als wüsste sie es, ist gefährlicher als eine, die schweigt. Sie legt hin, was war — sauber, vollständig, mit Uhrzeit. Herausfinden, was einem gut tut und was nicht, muss man dann selbst. Aber man kann es überhaupt erst, wenn es dasteht — und wenn es ernst wird, macht man es mit jemandem, der eine Approbation hat.

Und die Daten

Was ich einnehme, wann ich schlecht drauf bin, ob ich Kopfschmerzen hatte — das ist ungefähr das Privateste, was ich habe. Deshalb liegen die Einträge in einer Datenbank auf dem Telefon. Nicht auf einem Server, nicht in einem Konto, nicht bei mir. Ich selbst könnte sie nicht lesen, wenn ich wollte.

Eines muss ich ehrlich dazusagen: Ein Konto brauchst du — nicht für die Einträge, sondern für das Abo; es kennt deine E-Mail-Adresse und sonst nichts von dir. Die Sprachaufnahme dagegen verlässt das Gerät nicht. Aus dem Ton macht das Betriebssystem des Telefons den Text, so wie beim Diktieren auf der Tastatur. Stand 11. September 2026: Vorher ging die Aufnahme zur Umwandlung in die EU, dieser Weg ist entfernt. Was jetzt noch wohin geht, steht auf der Startseite und in der Datenschutzerklärung.

Warum ich das erzähle

Nicht weil meine Geschichte besonders wäre. Sondern weil ich glaube, dass ziemlich viele Leute denselben Nachmittag haben wie ich — dieses „was ist denn heute wieder los“ — und dann feststellen, dass sie nicht wissen, was eigentlich war. Nicht weil sie es nicht wissen wollen. Sondern weil Aufschreiben zwölf Sekunden gedauert hätte und man sie nicht hatte.

Die App löst mein ADHS nicht. Sie löst überhaupt nichts. Sie senkt nur den Aufwand pro Eintrag so weit, dass ich den Eintrag tatsächlich mache. Mehr wollte ich nie — und mehr verspricht sie auch nicht.

Noch einmal, weil es wichtig ist: Dieser Text beschreibt meine eigene Erfahrung. Er ist kein medizinischer Rat und keine Empfehlung, und RecTake ist kein Medizinprodukt — die App stellt keine Diagnose, gibt keine Dosierungsempfehlung und ersetzt keine ärztliche oder pharmazeutische Beratung.

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